Österreichs neue Regierung

Mittags haben wir Bürohengste uns aufgeregt um unsere iMacs versammelt. Augen leuchteten, die Erwartungen sind hoch gewesen, Hoffnungen abwesend. Es war kurz vor der Verkündung der Einigung zwischen Faymanns SPÖ und Spindeleggers ÖVP. Leider ist es ganz anders gekommen, denn beide Proponenten haben nicht viel anderes zu sagen gehabt, als dass sie nichts zu sagen haben. Und so hat es die designierte Regierung in den ersten Minuten geschafft, uns zu langweilen, uns emotional zu neutralisieren und jegliche Spannung und alles Interesse in sinnfreies Gebrabbel aus dem Munde der beiden lieben Freunde zu ertränken. Vielen herzlichen Dank dafür im Nachhinein.

Die Schockmeldung sollte jedoch noch kommen. Wobei, es sind exklusiv nur Schockmeldungen präsentiert worden. Das ethisch vernachlässigte Österreich, dieses Gefilde aus dörflich-bösartiger Neidbegeisterung und städtischer Landflucht der halbwegs Humanen, dieses Österreich hat sich selbst ein Geschenk bereitet, welches einen Absender und millionen Empfänger kennt, eine Aufmerksamkeit fiesester Natur, ein Paket voller Personen, Anzüge, Schuhe, Stirnfalten und sonstigen Belanglosigkeiten. Auch dafür ein Dankeschön.

Widmen wir uns für einen Augenblick den Aussagen, die ich in Wirklichkeit emitieren möchte. Passen Sie auf! Fangen wir an und wenden wir unsere Aufmerksamkeit auf die neue Regierungsmannschaft, auf die Truppe, die sich aus allen Ecken und Feldern sämtlicher Bundesländer, Regionen, Gemeinden und Freundeskreise zusammensetzt. Der Wirtschaftsminister ist bekannt. Landwirtschaft. Familie. Inneres. Gesundheit. Ostermayer. Bildung, Verteidigung, Infrastruktur, Soziales, Finanz, Vize. Jetzt die beiden geilen und agilen Neuzugänge, über die das ganze Land fassungslos diskutiert.

Der Außenminister, Chef des Diplomatenkorps, federführender Verhandler zwischenstaatlicher Abmachungen, Garant für ein sicheres und fruchtbares Miteinander aller Völker mit Österreich, ist ein Student ohne den Funken an Erfahrung in diesem Metier. Zwar hat der Bursche im Integrationsstaatssekretariat reüssieren können. Und das wird er vermutlich auch im neuen Job. Die Quintessenz, die übrigens auch bei Mensch Nummer zwei, dem neuen Justizminister zutrifft, ist, dass gemäß USA jeder Tellerwäscher Minister werden kann, gänzlich ohne adäquate Ausbildung, Expertise oder Vision. Jeder, jede, jedes.

Aber gut, jetzt hab ich es gesagt, jetzt hab ich zwischenzeilich gesagt, was ich sagen wollte. Um Himmels willen: Das ist Österreichs neue Regierung.

Unfaire Ausgangsbedingungen

Arbeiter, Angestellte, Beamte oder Freie Dienstnehmer, sie alle haben eines gemeinsam: Glück entscheidet bei diesen Berufsgruppen viel zu sehr den sozialen Aufstieg. Und sozialer Aufstieg heißt Wohlstand. Wer sich Wohlstand durch Fleiß erarbeiten will, dem werden Steine in den Weg gelegt. Belastende Abgaben und Steuern halten Unternehmer und Arbeitnehmer vom Glück ab.

Mein Bruttogehalt sieht sehr schön aus. Mein Chef würde sich auch gerne die irren Abgaben sparen, um sie in unsere Entwicklung als Unternehmen und Team zu investieren. Das möchten alle mutigen und engagierten Geschäftsleute in Österreich. Einzig Österreicher mit einem üppigen Erbe oder schenkungswilligen Freunden und Angehörigen müssen sich über ihre Geldvermehrung wenig sorgen machen. Wir haben keine nennenswerte Vermögensbesteuerung, keine Schenkungs- und auch keine Erbschaftssteuer. Der reiche Industrielle vererbt und schenkt, soviel er möchte – solange ein Budget aus diesen Quellen stammt, gibt es keine finanziellen Belastung.

Aus dieser Schieflage resultiert die Unmöglichkeit, sich mit einem Nettogehalt einen Ford Mustang kaufen zu können, es sei denn, man verzichtet im Vergleich zum gesunden Erben auf fast alle anderen Annehmlichkeiten (neue Kleidung, Urlaube, Theaterbesuche, …), um sich selbst ein schönes Geschenk machen zu können. Hätte mir mein Großvater hundert tausend Euro vererbt, müsste ich – der keinen Finger krümmte, dieses Geld zu erhalten, keine Leistung, keinen gesellschaftlichen Nutzen erbringen – nicht einen Tag auf meinen Mustang sparen.

Innenpolitisch gibt es jedoch Gegner einer Verbesserung. Die ÖVP ist gegen die Wiedereinführung von Erbschafts- und Schenkungssteuern. Sie und die Industriellenvereinigung titulieren ihren Kampf als einen gegen “neue Steuern”. Stellen wir uns aber etwas Verrücktes vor:

Es gibt in Österreich diese beiden Steuern. Stattdessen sind die Abgaben und Steuern auf Arbeit (Leistung!) halbiert, sowohl für Unternehmer, als auch für Angestellte, Arbeiter oder Praktikanten. Ein Seufzer der Erleichterung geht durch Berge, Äcker und Mariahilferstraße. Wir shoppen viel, kurbeln die Volkswirtschaft und regen neue Unternehmensgründungen an. In diesem Land zählt die Leistung und nicht die Faulheit, die Innovation und Weitsicht, nicht das Schummeln und Verstecken des Vermögens in subterranen Gegenden.

Kranke Vorstellung, isn’t it?

Sprachliche Feigheit

In Österreich gibt es grob zusammengefasst zwei Arten von Menschen: Die langweilige, unbewegliche und “gemütliche” Mitte. Dazu gehöre auch ich und überhaupt ein Großteil der hiesigen Bevölkerung. Dann gibt es aber noch diejenigen, die sich am extremen Rand befinden, gleich ob links oder rechts. Diese werden in unserem Land mit verbalen Samthandschuhen angefasst oder nicht ernst genommen. Das ist gefährlich.

Der Journalismus, sowohl bei Österreich, Zeit im Bild oder dem Standard, hat sich ebenso wie die Bevölkerung dermaßen mittig eingeordnet, dass dieser mehr langweilig als ausgeglichen anmutet. Dementsprechend ist auch die Präzision journalistischer Recherche oder deren Befragungsmethoden, nämlich stumpf, ungenau und meist verharmlosend.

Wie soll der Journalismus bei uns sonst umschrieben werden, als schwach, themenverfehlend und fad? Lassen Sie mich hierzu einige Beispiele anführen.

Beispiel eins: Die FPÖ und alle ihre Mitglieder sind entweder Rassistent, Rechtsextremisten oder ewiggestrige Xenophobiker. Genau so beschreibt es die “Weltpresse”, von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bis zum CNN oder dem International Herald Tribune*. Niemand mit Qualitätsanspruch in seiner redaktionellen Arbeit würde daran denken, Strache und Konsorten lediglich als “rechts” oder sich am “rechten Rand” befindend zu bezeichnen. Doch selbst der liberale Standard gräbt dieses Vokabular aus, sobald die Freiheitlichen thematisiert werden.

Beispiel zwei: Als vor zwei, drei Jahren die damalige Bundesregierung mit Faymann / Pröll das Budget nicht wie von der Bundesverfassung vorgegeben vor Weihnachten erstellen und publizieren wollte, haben die Schreiber aller Medien das verniedlichendste Vokubalur ausgegraben. Jeder österreichische Journalist hat damals leise Kritik an der vermeintlichen Feigheit der Bundesregierung geübt. Da bald Parlamentswahlen gewesen wären, hat Faymanns Kabinett die Wähler nicht durch ein am Sparen ausgerichtetes Budget verschrecken wollen.

Doch obacht! So sehr über die fehlenden Soft Skills der Regierung berichtet wurde, so sehr ist das eine Themenverfehlung gewesen. Selbst der geschulteste Redakteur hat den Kern dieser Botschaft weder begriffen noch thematisiert. Die damalige Bundesregierung hat den Grundpfeiler unserer Demokratie zertrümmert. Sie hat damals die Verfassung gebrochen. In dieser stand, bis wann das Budget vorzulegen gewesen ist, was auch alle namhaften Juristen und Experten eben so artikulierten.

Wir hatten es damals nicht mit einer feigen Regierung zu tun. Das Problem ist viel grundlegender gewesen. Diese Truppe hat unsere Verfassung mit Füßen getreten, gebogen und gebrochen. Da aber weder Juristen noch Medienleute eine passende Antwort auf dieses Vergehen gewusst haben, ist es verniedlichend debattiert worden. Kein Hahn hat damals nach dem Verfassungsbruch gekräht, schon gar nicht die Aufklärer der Republik.

Es ist also deutlich geworden, wie sehr wir in unserer Mediendiskussion sprachliche Genauigkeiten aussparen und dadurch unsere Unbeholfenheit mit ernsten Themen verdeutlichen. Ich erwarte mir von Journalisten Aufklärung und intellektuelle Forderung. Gefordert wird aber eher meine Geduld.

 

*) Der IHT ist mittlerweile in International New York Times unbenannt worde.

Der grüne Pullover im Parlament

Kleider machen Leute. Letztens erst erregte ein Foto meine Aufmerksamkeit. Die Grünen im Nationalrat beheimaten seit Kurzem einen optischen Rebellen in ihren Reihen. Ein junger Bursche ist also auf besagtem Foto abgebildet, wie er lächelnd am Pult im Plenarsaal steht. Er ist happy.

Gleichzeitig zu seiner Zufriedenheit hat diese Darstellung eines Mannes im Höchsten Haus eine weitere, bedrohliche Bedeutung. In seinem grünen Kapuzenpullover präsentiert sich ein Lockenkopf, vermeintlich rebellisch, in Wahrheit überhaupt nicht. Seine Botschaft mag für die antielitären Bevölkerungsschichten lauten: “Ich bin gegen das System.” Und das ist auch die erste, die offenkundige Bedeutung.

Doch tief unter dieser Schicht sinnloser Abwehrreaktionen gegen tradierte Kleidungsnormen bewegt sich ein Mythos barthes’scher Ausprägung. Der Pulli-Mann sagt demnach korrekterweise: “Ich verleugne die Geschichte, die Bedeutung und die Errungenschaften der westlichen, zivilisierten und humanistischen Demokratie.”

Anfangs naiven Glaubens verschuldete reflexhafte Antisystematik präsentierend, steht der Bursche als ein Sinnbild langsamen kulturellen Verfalls eines Landes dar, das zuerst die Juden vernichten wollte, später gigantische Marshall-Plan-Gelder einheimste, nur um sich heute zwischen zwei Welten zu befinden, namentlich der Welt der Rassisten und Apologeten und der Welt der Unwissenden Nicht-Überleger. Jawohl, anders kann es gar nicht sein.

Anstatt den Wohlstand, die Sicherheit und Freiheit, die uns die parlamentarische Demokratie gebracht hat hochzuschätzen, nivelliert dieser grüne Junge den Plenarsaal des Hohen Hauses zu seinem Wohnzimmer. Bald twittert er von seinem Platz: “Alle sind von meinem Pullover überzeugt worden!”

Existenz und Sprache

In Wien leben heißt ambivalent leben. Diese Stadt lädt zum Schlendern und zur Langsamkeit ein. Wir Wiener sind unserer Metropole ob dieser Charaktereigenschaft dankbar.

Aber es baut sich auch eine gewisse Geschwindigkeit über den Tag auf, genährt von U-Bahnen, Blechkarawanen oder den Menschenmassen in den Straßen Wiens. In mir entsteht eine Unsicherheit. Ich frage mich: Wo bin ich heute gewesen? Wie lange habe ich mit diesem Menschen gesprochen? Welche feinsten Gefühle und einzelnen Gedanken haben sich in meiner Seele bewegt?

Das weiß ich nicht mehr. Mir fehlt die Erinnerung daran. Doch will ich es wissen, möchte ich diese verflogenen Momente zumindest nachspüren, sind es doch die Eindrücke und die in Kooperation mit ihnen im Menschen schwebenden Emotionen und Gedanken, die das Leben lebenswert machen.

Die einzige Methode, sich der Achtsamkeit im Europa des einundzwanzigsten Jahrhunderts zu bedienen, ist die der Rekapitulation. Mein Nachbar betreibt Kung-Fu, meine Freundin tanzt, andere unterhalten sich auf andere Weise. Ich tanze nicht, kämpfe nicht. Meine Rückbesinnung ist das Schreiben. Oder die Gitarre.

Natürlich befinden sich diese beiden Leidenschaften von mir stets im Zwist, ein bisschen um meine Zeit, ein wenig mehr um meine Aufmerksamkeit. Um aber bei der Sprache und der Schrift zu bleiben: Sie befähigt mich, mein Leben als geordnet zu empfinden. Meine Gedanken bekommen Antezedenzen und Konsequenzen, und realistischerweise auch unbekannte Größen zur Seite gestellt. Am Ende stehen ausformulierte Wahrnehmungen, die ich über den Tag im Außen und Innen mache.

Ich gebe meinem Leben durch die Sprache den Sinn und die Bestimmung, die uns Menschen von Geburt an fehlen. Die Erschaffung der Welt geschieht durch Sprache. Meine Welt ist eine unbekannte Dame, deren Umrisse, Gesichtszüge und Anmut ich mit Wörtern benenne.

Außerdem ist meine Freundin immerzu beeindruckt, wenn ich Geschichten erzähle. Das ist auch ein Grund für meine Hingabe zur Sprache. Welcher Mann kann dem “Wow!” einer schönen Frau widerstehen?

“Der ideale Mann” im Burgtheater

“Der ideale Mann” läuft aktuell im Burgtheater. Elfriede Jelinek hat das Stück von Oscar Wilde adaptiert und auf die Wiener Bühne gebracht. Der wunderbare Michael Maertens spielt eine der Hauptrollen. Lord Caversham wird von Johann Adam Oest verkörpert, unter anderem bekannt als Vater von Herr Lehmann. Bis auf den Butler sind die übrigen Charaktere uninteressant und daher nicht erwähnenswert, obwohl viele von ihnen eine schauspielerische Höhe gezeigt haben.

Jelinek hat es in guter österreichischer Art geschafft, eine Geschichte von Beginn an aus eigener Hand zu konterkarieren. Sie hat nach dem letzten Strohhalm gegriffen und ihre fade Inszenierung an den Geschehnissen rund um Karl-Heinz Grasser und die Hypo-Alpe-Adria aufgehängt. Und davon versucht das Stück zweieinhalb Stunden lang zu überleben.

Mit unaufhörlichen und alles andere als subtilen Anspielungen auf die Bankenpleite bombardiert Jelineks Adaption den Zuschauer. Ein Eigenleben hat es an diesem Abend auf der Bühne der Burg nicht gegeben. Betrug, Intrigen, gierige Adelige, das ist der Stoff, aus dem sich die Einfallslosigkeit Jelinkes speist. Nicht einmal Maertens’ darstellerisches Können uns seine markante Schreistimme vermöge es, die Geschichte aus der Nahtoderfahrunf wieder zu beleben.

Nach der Pause wird es selbstredend besser. Die Botschaft an diesem Abend lautet: Wir hier in Österreich verstehen unter Kunst, unsere Schöpfungen an bekannten Geschichten zu orientieren und diese zu kopieren. Dann stellen wir uns hin, freuen uns des Lebens und tragen in uns das Gefühl, kreativ gewesen zu sein, obwohl wir genau das Gegenteil sind, nämlich fad. Elfriede Jelinek hat mit dem “idealen Mann” eben diesen Eindruck in Zement gegossen.